Komponisten:
Johannes Brahms

1833 - 1897
geboren am: 7. Mai 1833 in Hamburg
gestorben am: 3. April 1897 in Wien
Lebensalter: 64 Jahre

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Johannes Brahms
über seine Inspiration beim Komponieren

in einem Gespräch mit dem Musikjournalisten Arthur Abell

im Spätherbst 1896 in Wien (Brahms starb am 3. April 1897)
- leicht gekürzte Auszüge -
...siehe Anmerkung am Ende...
 

Beethoven war immer mein Leitbild. Die wenigen uns überlieferten Berichte über seine Inspiration waren mir eine unschätzbare Hilfe. Auch Bach und Mozart sind große Inspirationsquellen, aber Beethoven ist viel umfassender in seinem Ruf an die Menschheit.

Der alte Grünberg, der mehrere Jahre lang in Beethovens Orchester Geige gespielt hatte, erzählte einmal, wie sich Schuppanzigh, der Konzertmeister, während der ersten Probe einer neuen Komposition bei Beethoven beschwerte, daß eine gewisse Stelle für die linke Hand so schlecht geschrieben sei, daß man sie beinahe gar nicht spielen könne. Woraufhin Beethoven ihn anherrschte: »Als ich diese Stelle schrieb, war ich mir bewußt, von Gott dem Allmächtigen inspiriert worden zu sein. Glauben Sie, ich kann Ihre winzige Fiedel berücksichtigen, wenn ER mit mir spricht?«

Beethoven empfand hier das gleiche wie ich, als ich mein Violinkonzert komponierte. Die ganze Brüderschaft der Geiger war in hellem Aufruhr. Hellmesberger erklärte: »Das Brahms-Konzert ist nicht für, sondern gegen die Geige geschrieben.« Und er sagte voraus, daß es sehr bald der Vergessenheit anheimfallen würde, da es unspielbar sei...
Beethoven machte andere, ähnliche Äußerungen, besonders Bettina von Arnim gegenüber im Jahre 1810. Ihr bekannte er, daß er sich bewußt sei, seinem Schöpfer näher als andere Komponisten zu stehen, und sagte: »Ich weiß, daß Gott mir näher ist als anderen meiner Zunft; ich verkehre mit Ihm ohne Furcht.«

Diese bemerkenswerte Behauptung aus dem Munde des größten aller Komponisten bestätigt, was Jesus in Johannes 14,10 sagte: »Nicht ich, sondern der Vater, der in mir wohnt, der tut die Werke.« Jesus verkündete eine große Wahrheit, als er dies sagte, und wenn ich mich bei meiner Arbeit in meiner größten Schaffenskraft fühle, spüre auch ich, daß eine höhere Macht durch mich wirkt.

Wie Beethoven zu erkennen, daß wir eins sind mit dem Schöpfer, ist ein wunderbares, ehrfurchtgebietendes Erlebnis. Sehr wenige Menschen gelangen zu dieser Erkenntnis, weshalb es so wenige große Komponisten oder schöpferische Geister auf allen Gebieten menschlichen Bemühens gibt. Über dies alles denke ich immer nach, bevor, ich zu komponieren anfange. Dies ist der erste Schritt. Wenn ich den Drang in mir spüre, wende ich mich zunächst direkt an meinen Schöpfer und stelle ihm die drei in unserem Leben auf dieser Welt wichtigsten Fragen: woher? warum? wohin?

Ich spüre unmittelbar danach Schwingungen, die mich ganz durchdringen. Sie sind der Geist, der die inneren Seelenkräfte erleuchtet, und in diesem Zustand der Verzückung sehe ich klar, was bei meiner üblichen Gemütslage dunkel ist. Dann fühle ich mich fähig, mich wie Beethoven von oben inspirieren zu lassen. Vor allem wird mir in solchen Augenblicken die ungeheure Bedeutung der Offenbarung Jesu bewußt: »Ich und der Vater sind eins.«

Diese Schwingungen nehmen die Form bestimmter geistiger Bilder an, nachdem ich meinen Wunsch und Entschluß bezüglich dessen, was ich möchte, formuliert habe: nämlich inspiriert zu werden, um etwas zu komponieren, was die Menschheit aufrichtet und fördert - etwas von dauerhaftem Wert. Sofort strömen die Ideen auf mich ein, direkt von Gott. Ich sehe nicht nur bestimmte Themen vor meinem geistigen Auge, sondern auch die richtige Form, in die sie gekleidet sind, die Harmonien und die Orchestrierung. Takt für Takt wird mir das fertige Werk offenbart, wenn ich mich in dieser seltenen inspirierten Gefühlslage befinde.
Ich muß mich im Zustand der Halbtrance befinden, um solche Ergebnisse zu erzielen - ein Zustand, in welchem das bewußte Denken vorübergehend herrenlos ist und das Unterbewußtsein herrscht, denn durch dieses, als einem Teil der Allmacht, geschieht die Inspiration. Ich muß jedoch darauf achten , daß ich das Bewußtsein nicht verliere, sonst entschwinden die Ideen.

So komponierte Mozart. Man fragte ihn einmal nach dem Vorgang beim Komponieren, und er erwiderte: »Es geht bei mir zu wie in einem schönen, starken Traume.« Er beschrieb dann, wie die Ideen, in die richtige musikalische Fassung gekleidet, auf ihn einströmten, ganz wie bei mir. Natürlich muß ein Komponist Kompositionstechnik, Form, Theorie, Harmonie, Kontrapunkt, Instrumentation beherrschen - aber jeder musikalisch Begabte kann dies, wenn er den richtigen Fleiß aufbringt.

Der Geist ist das Licht der Seele. Der Geist ist allumfassend. Der Geist ist die schöpferische Energie des Kosmos. Die menschliche Seele ist sich ihrer Kräfte erst bewußt, wenn sie vom Geist erleuchtet wird. Um sich zu entwickeln und zu wachsen, muß deshalb der Mensch erst lernen, wie er seine eigenen seelischen Kräfte gebrauchen und ausbilden soll. Alle großen schöpferischen Geister tun, dies, obgleich einige von ihnen sich dieses Vorgangs nicht so bewußt zu sein scheinen wie andere.

Wie schon erwähnt, befinde ich mich in einer Art Trance, wenn ich in diesen traumähnlichen Zustand falle - einem Schweben zwischen Schlafen und Wachen. Ich bin wohl noch bei Bewußtsein, aber hart an der Grenze, das Bewußtsein zu verlieren. In solchen Augenblicken strömen die inspirierten Ideen ein. Jede echte Inspiration rührt von Gott her. Er kann sich uns nur durch jenen Funken der Göttlichkeit in uns offenbaren  durch das, was die heutigen Psychologen das Unterbewußtsein nennen. ... Doch als Name für einen Teil des Göttlichen taugt dieser Begriff eigentlich nicht. ‘Überbewußtsein’ wäre eine viel bessere Bezeichnung.

Als beste Erklärung für diesen Zusammenhang findet sich im Johannesevangelium, Kap.14, die Worte Jesu: »Glaubet mir, daß ich im Vater und der Vater in mir ist. Der Vater, der in mir wohnt, der tut die Werke. Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere denn diese tun.«

Quelle: Abell, Arthur M., “Gespräche mit berühmten Komponisten”,
G.E. Schroeder-Verlag Kleinjörl bei Flensburg, 4. Auflage 1981
 

Anmerkung: Die kritische Musikwissenschaft sagt heute, daß dieses Gespräch so nie wirklich stattgefunden hat. Mit Sicherheit stammen die Formulierungen von Abell, und nicht wörtlich so von Brahms. Trotz der romantisch verklärten Sichtweise berührt dieser Text auf belebende Weise das tiefe Bedürfnis, Antworten auf die Frage zu erhalten: Woher kommt eigentlich die Musik. Für den modernen Musiker, der in einer völlig anderen Inspirationswelt arbeitet als die Romantik, sind solche Texte wie das Gespräch mit Brahms verständlicherweise Unsinn, reine Fiktion. Ein Homepagebesucher nennt Arthur Abell sogleich einen “Scharlatan”....

Die hier von Abell zitierten Worte von “Brahms” sollen bitte nicht darüber hinwegtäuschen, daß der musikalische Schöpfungsprozess zuerst und vor allem viel ARBEIT bedeutet - Üben, Suchen, Verzichten, Probieren, Lernen, Üben, Lernen.... George Enescu brachte es so auf den Punkt: “Bei der Inspiration sind 90% Transpiration”.

In diesem Sinne - bitte diesem Text noch 90% nüchternes Arbeiten und Üben hinzufügen, und ab und zu ein Körnchen Gnade von den Göttern, den Musen, der Frau Musica....

Gruß Wolfgang Zeitler
(am 02. Juni 2009 auf Rückmeldung von Herrn Zurbriggen, CH-Bern)

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